Orpheus und Eurydike

Orpheus auf Mauritius: Produktionsnotizen

Seit einer guten halben Woche laufen die Vorstellungen von Offenbachs Operette Orpheus in der Unterwelt. Die Mauritier lieben Operette, seit jeher, und so kommt es nicht von ungefähr, dass Orpheus das meistgespielte Stück in der Operngeschichte des Landes ist.
Für die Regisseurin Ludivine Petit war es ein beachtliches Stück Arbeit, das Werk auf die Bühne zu bringen, so kleinteilig ist es gebaut, so genau müssen die schnellen Dialoge und Pointen gesetzt werden, so viel muss erfunden und entwickelt werden, um dem Anspielungs- und Situationsreichtum der Partitur gerecht zu werden.
Dass sie es mit Bravour gemeistert hat, beweisen die sich überschlagenden Kritiken und das begeisterte Publikum, das bislang noch bei jeder Vorstellung geschlossen stehende Ovationen gespendet hat. Besonders gut kommt die Inszenierung übrigens bei Kindern an, die trotz der zweieinhalb Stunden Dauer vollkommen gefesselt und begeistert sind.

Die Produktion

Dass daran das Ensemble, der Chor, das Orchester und nicht zuletzt das stage design von Eelco de Jong und die Kostüme von Ve Kessen-Soltmann ganz erheblichen Anteil haben, versteht sich von selbst. Es ist über die Maßen bewundernswert, was hier auf die Bühne gebracht wurde, verglichen mit einem Budget, das bescheiden zu nennen noch untertrieben wäre. Die Produktionsmanager Ricardo Ramiah, Russel Caine und Frederik Ahlgrimm haben ganz offenbar klug gehaushaltet, zudem geschickt und unermüdlich Spenden und Sponsoren gewonnen und konnten auf ein enthusiastisches Team aus Künstlern vertrauen, die mit größtem persönlichen Einsatz aus den geringsten Mitteln maximalen Effekt gezogen haben. Noch vor Wochen gab es die Befürchtung, dass es eine rein konzertante Aufführung werden würde. Am Ende nun ist eine ganz und gar vollgültige, szenische Opernproduktion entstanden. Auch wenn die Kostüme zu großen Teilen von den Sängern selbst bereitgestellt wurden, auch wenn sich die Elemente des Bühnenbildes auf ein paar wenige einzelne Teile beschränken – all dies wurde mit soviel Gestaltungswille, Kreativität und Stilsicherheit eingesetzt, dass sich diese Aufführung auch vor ungleich reicher ausgestatteten Produktionen in keinster Weise verstecken muss. Reiche Kornfelder, ein vollauf ausgestattetes Boudoir, ein wirkungsvoller zerbrochener Spiegel, dessen Splitter im Raum schweben, dazu geschickt gesetztes Licht, eine wirkungsvoll eingesetzte Projektion, einige Podeste, etwas Nebel – mehr braucht es nicht für einen magischen Bühnenraum. Vollkommen individuell und treffend eingesetzte Kleidungsstile, die zahlreiche prominente Figuren wiedererkennen lassen, intelligente Verarbeitung göttlicher Symbole, die auf weißen Hemden die Götter und ihre Zuständigkeitsbereiche abbilden, dazu meisterhaftes Maskenbild – mehr braucht es nicht für ein umwerfendes Kostümbild.

Das Ensemble

Sogkraft entwickelt dieser Abend aber auch wegen des Ensembles. Katrin Caines Opernchor hat eine unfassbare und ansteckende Spontaneität, Energie und Spielfreude. Das beginnt vor der Vorstellung, wo jeder jeden einzeln begrüßt, setzt sich während des laufenden Stückes fort, wo jeder und jede sängerisch wie schauspielerisch leidenschaftlich alles zeigt, und macht nach gefallenem Vorhang beim gemeinsamen Singen und Tanzen der traditionellen Sega-Rhythmen im Hof des Theaters oder am Strand noch lange nicht Halt. Eine Vielzahl kleiner Rollen wurde für diese Produktion aus Chormitgliedern besetzt, die jedweder mit einer ganz eigenen Charakteristik den Abend bereichert. Und natürlich sind da die Hauptrollen, die von den mauritischen Solisten Véronique Zoël-Bungaroo, Jean-Michel Ringadoo, Katrin Caine und Ricardo Ramiah sowie von den beiden Gastsolisten Michael Gann und Andrew Glover wunderbar getragen werden. Sie alle unterstützt von einem bestens aufgelegten Winterthurer Jugendsinfonieorchester, das in den zweieinhalb Wochen seines Besuches ein beeindruckendes Programm absolviert: Neben den sechs Vorstellungen spielt es weitere drei Symphoniekonzerte. Martin Wettges und sein musikalischer Assistent Gregor Mayrhofer erarbeiteten mit ihm und den Sängern eine spritzige, wandlungsfähig-lebendige, bisweilen auch entrückt-märchenhafte Interpretation, die ihren Teil zum Reichtum dieser Aufführung beisteuert.

Das Geheimnis von Oper auf Mauritius

Zwischen dreizehn und 26 Jahre sind die jungen Musiker alt. Es war eine Grundidee ihres künstlerischen Leiters Simon Wenger, dass sie nicht im Hotel, sondern bei Gastfamilien untergebracht sind. Das stellt zwar eine respektable logistische Herausforderung dar, da auf das rudimentäre Bussystem hier nicht vertraut werden kann, aber hat sich vollauf ausgezeichnet. Die mauritische Gastfreundschaft ist weithin berühmt und so lernen die Orchestermitglieder Mauritius längst nicht nur in den Proben „von innen“ heraus gründlich kennen – nämlich von den Menschen her.

Dies ist vielleicht eines der Geheimnisse von Oper auf Mauritius: Eine Vielzahl besonderer, begeisterter, leidenschaftlicher Menschen kommt hier zusammen, um unter professioneller Anleitung professionelles, aber eben auch leidenschaftliches Musiktheater zu machen. Und das ist nicht nur eine Produktionsnotiz, das ist common sense – deshalb sind sie alle hier.

Im Bild:
Orpheus und Eurydike. Sie hat sein Geigenspiel gründlich satt und wird sich gleich in der nächsten Szene umso lieber von Pluto in die Unterwelt entführen lassen …

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