Adrianna Frédéric

Mit Selbstbewusstsein und Afro: Adrianna Frédérics Jahr als unsere Stipendiatin

Adrianna Frédéric bezeichnet sich selbst als introvertiert und schüchtern, doch bereits durch die Art, wie die inzwischen 17-Jährige von ihrem vergangenen Jahr als Stipendiatin des Gerda-Neudeck-Stipendiums berichtet, wirkt sie wie eine junge Frau, die aktiv ihre Ziele verfolgt und wie von ihr selbst eingefordert „Regisseurin ihres eigenen Lebens ist“. Der vom Verein übernommene Gesangsunterricht kam da gerade recht. Adriannas Lehrerin Katrin Caine resümiert: „Ihre Stimme ist viel ausgeglichener. Sie hat sich sowohl persönlich als auch stimmlich vom Mädchen zur jungen Frau entwickelt.“ Darüber hinaus hat sie im letzten Jahr ihren eigenen Kleidungsstil ausgeprägt und trägt ihre Haare nun als Afro mit viel Selbstbewusstsein. Ihren Haaren habe sie, so Adrianna lachend, während der Pandemie sogar einen Namen gegeben: Vanessa. Aber das ist längst nicht alles.

„Ich habe meinem Haar einen Namen gegeben. Sie heißt Vanessa.“

Adrianna Frédéric

Adrianna mit ihrer alten Frisur

Wie Katrin Caine stellt auch Adrianna Veränderungen an ihrer Stimme fest: „Ich habe gelernt, meine Stimme besser zu kontrollieren und durch Atemtechniken Töne länger zu halten. Auch ich finde, dass meine Stimme immer mehr wie die einer Opernsängerin klingt, nicht mehr wie die eines kleinen Mädchens.“ Ob Adrianna vom Stimmfach her eher ein Sopran oder Mezzo ist, bleibt abzuwarten. Neben ihrer Technik konnte sie vor allem auch ihr klassisches Lied- und Arienrepertoire erweitern. Am liebsten habe sie die Barbarina-Arie „L’ho perduta, me meschina“ aus Mozarts Oper Le nozze di Figaro gesungen. Da sie ein großer Maria-Callas-Fan ist, würde sie als nächstes gern die Arie „Casta diva“ aus Bellinis Oper Norma lernen: „Ich habe meiner Schwester versprochen, diese Arie zu singen, wenn sie irgendwann mal heiratet.“ Katrin Caine hat mit Adrianna außerdem an ihrer Intonation, Artikulation und Aussprache gefeilt. So stand auch Brahms‘ Schlaflied Guten Abend, gut‘ Nacht auf dem Unterrichtsplan. Teil des Unterrichts waren außerdem ein paar Schauspielübungen, denn, so Adrianna: „Als Opernsängerin muss man auf der Bühne agieren und dem Publikum die Gefühle vermitteln können. Diese Übungen haben mir dabei geholfen, selbstbewusster zu werden.“ Wenn sie zu Hause ihr Handy verlegt, könne es schon mal passieren, dass sie anfängt, die Barbarina-Arie, in der es darum geht, etwas zu verlieren, zu singen und dazu zu schauspielern.

„Der Gesangsunterricht hat mir geholfen, selbstbewusster zu werden.“

Neben diesem sympathischen Humor und der erfrischend offenen Selbstironie ist Adrianna laut Katrin Caine sehr zuverlässig und fleißig. Um zum meist wöchentlichen und einstündigen Unterricht zu gelangen, musste sie immerhin jeweils eine Stunde hin- und wieder zurückfahren: Mit dem Bus vom bei Port Louis gelegenen Pointe aux Sables zum südlicheren Black River. Hinzu kam die durch die Pandemie erschwerte Situation. Lebensmittel waren schwer erhältlich, der online durchgeführte Schulunterricht kurz vor wichtigen Prüfungen sei nervenaufreibend gewesen, der Gesangsunterricht musste zwischendurch unterbrochen werden oder über Zoom stattfinden, und es waren nur wenige Konzerte möglich. Dennoch hat Adrianna an der Konzertreihe der Gruppe junger Sängerinnen und Sänger „For the Love of Singing“ im August und September 2020 mitwirken und neben Chorpartien sogar ein Solo singen können. Dieses Jahr wird sie noch als Choristin in einer Fledermaus-Produktion von Katrin Caine zu erleben sein. Insgesamt sei die Pandemie Adriannas Meinung nach wenigstens dazu gut gewesen, sich wieder etwas auf sich und die wichtigen Dinge des Lebens zu besinnen.

Adrianna ganz persönlich:

Lieblingsoper: Carmen von George Bizet

Lieblingssong: „I’ve Dreamed a Dream“ aus dem Musical Les Misérables

Lieblingsbuch: The Dutchess von Danielle Steel

Lieblingsserie: Peaky Blinders von Steven Knight

Lieblingsessen: Farata mit Hühnchencurry (dazu empfiehlt sie ein Glas Cola)

Lieblingsgetränk: Wasser (vor allem nachdem man etwas Süßes gegessen hat)

„Ich möchte irgendwann anderen helfen, singen zu lernen.“

Adrianna Frédéric

Adrianna mit neuer Frisur

Neben ihrem Gesang, ihrer Persönlichkeit und ihrem Aussehen hat sich Adrianna während der Pandemie somit auch die Zeit genommen, um über ihre Zukunft nachzudenken. Da es auf Mauritius aktuell weiterhin schwer ist, Opernsängerin zu werden, weil es keine Berufsperspektiven gibt, strebt sie eine Karriere als Journalistin an. Sie möchte studieren, aber unbedingt auch weiter singen. Ihr Wunsch ist es, einmal wie Katrin Caine anderen Gesangsunterricht zu geben, ihr Wissen und die Liebe zum Singen weiterzugeben und anderen dabei zu helfen, ihre Stimme zu finden. „Ich teile sehr gern und alles mit anderen. Ich konnte eine Zeit lang zum Beispiel nichts essen, ohne davon etwas an meine Schwestern, Eltern oder Freunde abzugeben. Das ist manchmal etwas anstrengend, aber es ist auch eine gute Sache. Ich muss noch die Mitte zwischen meinen Bedürfnissen und denen anderer finden. Daran arbeite ich.“

„Ich teile gern und will meine Liebe für das Singen weitergeben.“

Ein Weg dahin ist natürlich ein gestärktes Selbstbewusstsein, das Adrianna bereits in Angriff genommen hat. Das letzte Jahr und vor allem den Gesangsunterricht empfand sie daher als sehr hilfreich und wertvoll für ihren Werdegang und bedankt sich noch einmal herzlich bei den „Freunden“ für das Stipendium. Wir wünschen ihr auf ihrem Weg viel Erfolg und freuen uns, wieder von ihr und natürlich von Vanessa zu hören!

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