Musikschule Traumwind

Traumwind

Eurydice – wie kann man sich nur diesen komplizierten Namen merken? Am besten macht man es so wie der sehr beflissene, aber etwas unbeholfene Merkur in der Orpheus-Inszenierung: Man zählt an den Fingern auf französisch bis zehn – huit, neuf, dix – und hat seinen Anhaltspunkt: Eury-dice.
Zwanzig Kinder, im Alter zwischen ungefähr fünf und zwölf Jahren, sitzen dicht gedrängt auf einer kleinen, mehrstufigen Holztribüne, schauen mit leuchtenden Augen ihre Lehrerin an und tauchen in die Welt der griechischen Götter und Sagenfiguren ein.

Musikunterricht – täglich

Wir befinden uns in Mangalkhan, Floréal, einer der ärmsten Gegenden von Mauritius. Manche dieser Kinder haben zuhause nicht einmal basale sanitäre Versorgung, sondern müssen das Wasser aus einem großen Tank holen, der vor dem Gebäude aufgebaut ist. Auch das Essen ist manchmal knapp – weil das Geld nicht reicht, oder weil die Eltern nicht in der Lage sind, um sich ausreichend um ihre Kinder zu kümmern.
Nachdem mittags die Schule aus ist, sind diese Kinder dann oft genug vollkommen sich selbst überlassen, mitsamt allen damit verbundenen Problemen.
Deswegen weht hier nun seit einigen Jahren der „Traumwind“. Ursprünglich war es ein kirchliches Projekt, mittlerweile ist es aber eigenständig organisiert, wird durch einen staatlichen Fonds gefördert und hat auch eigene, wenn auch noch sehr beengte Räumlichkeiten. Die Idee: All diese Kinder der Nachbarschaft, die kaum eine Perspektive im Leben haben und deren Alltag nicht selten äußerst düster aussieht, erhalten hier kostenlosen Musikunterricht. Nach der Schule, zwei Stunden lang und, das muss man sich vorstellen, jeden Tag.

Musik als Ausweg

Lesley Mervin hat das Projekt initiiert und ist bis heute Kopf und Herz des Projekts. Eine sanfte und ruhige Autorität, kein Wort zu viel oder zu wenig. Und vor allem die unbedingte Gewissheit aus Erfahrung, dass sie mit ihrer Idee ins Schwarze getroffen hat: Vieles von dem, was den Kindern hier fehlt, Musik kann es ihnen geben. „Wenn sie Musik machen, lernen sie, sich zu fokussieren. Sie lernen, sich mit den anderen in Einklang zu bringen. Sich auszudrücken. Und da sie im Notenlesen unterrichtet werden, handelt es sich auch um ein Alphabetisierungsprojekt.“
All dies kann Eva-Maria Zimmermann nur bestätigen. Die Kölner Pianistin und Musikpädagogin ist für einige Wochen auf der Insel zu Gast und arbeitet mit den Kindern. „Es ist immer ein großes Gewusel. Aber sobald sie Musik machen, sind sie ganz und gar konzentriert.“ In oft nur zehnminütigen Einheiten lernen die ganz Kleinen Geige, die etwas Größeren auch Blockflöte; außerdem singen alle im Chor. Neben den Musiklehrern werden sie von einem großen Team aus Sozialarbeitern und Müttern und Großmüttern aus der Nachbarschaft betreut.

Orpheus kennenlernen

Eine Woche lang arbeitet Eva-Maria Zimmermann mit den Kindern und bringt ihnen Orpheus näher. „Das Stück ist an vielen Stellen sehr explizit“, schildert sie. „Das muss ich natürlich etwas entschärfen. Die Hölle ist für viele zum Beispiel eine sehr reale Vorstellung. Der wörtliche Titel des Stücks ist ja im Französischen ,Orpheus in der Hölle‘. Da war es wichtig ihnen beizubringen, dass es eine ganz andere Hölle ist, eine lustige Hölle, in der man viel Wein trinkt.“
Auf Videos zeigt sie ihnen Probenausschnitte, auf denen sie die Figuren, deren Namen und Geschichten sie schon kennengelernt haben, wiedererkennen. Dann dürfen sie selbst den Can-Can singen, ziehen in einer Polonäse durch Plutos Boudoir und spielen zum Schluss im großen Geigen- und Flötenchor mit Feuereifer den Revolutionschor aus dem ersten Akt. Zwischendurch dürfen sie sich selbst im wahrsten Sinne des Wortes ausmalen, wie sie sich die Bühnenbilder vorstellen – die Ergebnisse werden während den Vorstellungen in einer kleinen Galerie im Theater ausgestellt.
Höhepunkt der Woche aber ist der Mittwochabend: Da dürfen sie nämlich lange aufbleiben, werden mit Bussen abgeholt und ins Serge Constantin-Theater gebracht: Generalprobe! Und nun ist kein Halten mehr: Dank ihrer intensiven Vorbereitung können sie nicht nur der Handlung in der nun nicht mehr fremden Welt der Antike bestens folgen, sondern auch einen Großteil des Spektakels im Chor mühelos mitsingen. Auch dies eine der Erkenntnisse, die Eva Zimmermann den Atem verschlagen: Die Kinder sind mittlerweile enorm geschult, lernen neue Melodien mühelos und schnell. Und mit einem Mal können sie aktiv teilhaben am kulturellen Leben. Der „Traumwind“ weht zweifelsfrei in die richtige Richtung.

Die Freunde der Opera Mauritius werden den Musikkindergarten auch künftig finanziell und durch die Vermittlung von MusiklehrerInnen unterstützen. Wenn Sie Interesse an diesem Projekt haben, nehmen Sie gerne Kontakt mit uns auf!

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