Brahms und Me(e/h)r: Einblicke in knapp drei Monate Korrepetition auf Mauritius
In den letzten Monaten ereignete sich ein weiteres interkulturelles Abenteuer. Der deutsch-französische Pianist, Chorsänger und Informatikstudent Romain Carl konnte dank unseres Aufrufs nach Mauritius vermittelt werden. Dort unterstütze er unter anderem die Proben zu Brahms Requiem, welches schon dieses Frühjahr von Katrin Caines Chor, den Island Voices, aufgeführt werden wird. Aber lesen Sie selbst!
Man lädt einen jungen deutsch-französischen Pianisten, dessen Reisen sich im Wesentlichen bisher auf sein heimisches Europa beschränkt haben, für fast drei Monate auf eine Insel am anderen Ende der Welt zum Korrepetieren ein. Was mag er wohl von einem solchen Aufenthalt erwarten? Man hat ihm angekündigt, dass es unter anderem mit Katrin Caines Chor „Island Voices“ das „Deutsche Requiem“ für ein Konzert im April 2026 einzustudieren gilt – also macht er sich ein wenig mit dem Brahms’schen Klavierauszug vertraut und stellt sich auf Proben ein, die sich, so vermutet er, womöglich nicht wesentlich von denen eines europäischen Laienchores unterscheiden – und doch irgendwie vielleicht ganz anders sein werden. Man sagt ihm, dass besagte Insel eine französisch-britische Kolonialvergangenheit hat und dort flächendeckend französisch gesprochen wird – also liest er sich ein wenig ein, kauft sich eine Ausgabe von „Paul et Virginie“ und macht sich auf Menschen gefasst, die im Grunde wie Franzosen sein werden – nur vielleicht ganz anders.
Wie sich diese Andersartigkeit gestaltet, davon kann ihm selbstverständlich nur seine Zeit vor Ort den Beginn einer Idee vermitteln – und in diesem Text möchte er einige seiner Eindrücke diesbezüglich nach zwei Monaten Aufenthalt festhalten.
Proben mit Brahms…
Meine allererste Erfahrung auf Mauritius vermochte mir gleich einen dieser Unterschiede zu verdeutlichen, in Form einer der vielen amüsanten Übersetzungskuriositäten, die der sprachliche Schmelztiegel aus Kreolischem, Französischem und Englischem gerne mal zustande bringt: Bei meiner Ankunft am Flughafen wurde ich netterweise von einem Chorsänger abgeholt – der am Ausgang ein Schild mit der Aufschrift „Romain Germain“ in die Höhe hielt. Es dämmerte mir bald, dass ich der damit Angesprochene war. Die Erwähnung dieses Missverständnisses, dem mutmaßlich ein à la Flüsterpost weitergeleiteter und zu irgendeinem Zeitpunkt „Romain (Germany)“ benannter Telefonkontakt zugrunde lag, sorgte in mehreren Proben noch für allgemeine Erheiterung.
Überhaupt sind besagte Proben mit „Island Voices“ stets eine kleine sprachliche Herausforderung – was kaum verwunderlich ist, bedenkt man doch, dass hier eine größtenteils kreolisch-sprachige Gemeinschaft auf Englisch mit einer deutschen Chorleiterin arbeitet, die Anweisungen an ihren Korrepetitor gerne mal in ihrer Muttersprache durchgibt, während sich letzterer mit dem Chor wiederum überwiegend auf Französisch austauscht. Man mag dann an deutschen, kreolischen oder indonesischen Texten arbeiten – an Verwirrungspotenzial mangelt es nie: „Ki sa vedir, « zelik

Brahms-Proben mit „Island Voices“
…und ohne ihn

Mit „Island Voices“ und Katrin Caines Kinderchor „Rainbow Voices“ bei einem Konzert der südafrikanischen A-capella-Gruppe „Ladysmith Black Mambazo“
Lustigerweise war den meisten Sänger:Innen – ganz gleich ob jung oder alt – eine Angewohnheit gemeinsam: Während der ersten Korrepetitionsstunde starten sie munter und flott in ihr Stück – und werden peu à peu langsamer… und langsamer… und langsamer… Diese systematischen morendi sind aber schnell Vergangenheit, nachdem ich sie darauf hingewiesen habe, dass – im Gegensatz zu den hier gängigen Backing Tracks – menschliche Korrepetitoren durchaus auf sie warten können und sollen. Damit ist die Endlosschleife der reziproken Warterei durchbrochen und man lässt nochmal von vorn starten, mit dem neu erlangten Bewusstsein, „the boss“ zu sein.
Man darf eben nicht vergessen, dass auf Mauritius trotz der staatlichen und nicht-staatlichen Bemühungen bezüglich musikalischer Ausbildung während der letzten Jahrzehnte korrepetierende Pianist:Innen weiterhin nicht verfügbar sind wie Sand am Meer. Umso mehr werden die wenigen, die es sind, von allen Seiten angefragt: Als die NGO „Vent d’un rêve“ – die mit ihrem kostenlosen Unterricht seit 2011 Kindern und Jugendlichen im sozial schwachen Viertel Floreal erfolgreich einen Zugang zur Musik ermöglicht – mitbekam, dass mit mir ein verfügbarer Vertreter dieser unterrepräsentierten Berufsgruppe im Land weilte, wurde ich prompt zum Begleiter diverser Vokal- und Instrumentalkonstellationen für mehrere Weihnachtskonzerte ernannt.
Die Proben hierfür fanden auf mauritische Art statt: Mal waren aus unbekannten Gründen die Streicher abwesend, mal die Klarinettistin. Noten? Keine. Pena problem: Weihnachtsschlager lassen sich auch auswendig vom Blatt begleiten. Also beschränkt man sich auf das Mindeste: Wie viele Strophen von „Il est né le divin enfant“ singt ihr? Braucht ihr Zwischenspiele? Abmachungen, die darüber hinaus gehen – wie beispielsweise die, Gitarre, Schlagzeug und Klavier während der letzten Wiederholung des Refrains von „Hallelujah“ schweigen zu lassen – sind nur dazu da, um im Konzert nicht von allen Beteiligten beachtet zu werden. Also gibt man sich einfach dem Flow hin und teilt mit den jungen Mauritier:Innen den Spaß am Musizieren.
Von der Uhr wegkommen
Ein gewisses Grundübel, das man hier im Tausch gegen sehr viel Offenheit und Herzlichkeit in Kauf nehmen muss, ist also eine Form von Unzuverlässigkeit. Warum jedoch ein so schnödes Wort verwenden für etwas, das nur eine Facette einer generellen Spontaneität und Ad-hoc-Mentalität ist – so wie es die Unpünktlichkeit die einer ganz anderen Zeitauffassung ist? In der Tat sind Verspätungen von 60 Minuten und darüber hinaus hier in allen Lebensbereichen keine Seltenheit. Ironischerweise ist das niemandem deutlicher bewusst als den Mauritier:Innen selbst. Als ich einmal für einen Konzertauftritt spät dran war und unterwegs jemanden vor Ort deshalb anrief, ließ man mich glauben, dass bisher alles nach Zeitplan lief und meine Verspätung in jedem Fall problematisch wäre. Also sputete ich mich – nur um bei meiner Ankunft drei Minuten nach geplantem Konzertbeginn festzustellen, dass nicht einmal der eine halbe Stunde zuvor eingeplante Soundcheck bereits gemacht worden war. Ob man mir das nicht am Telefon hätte sagen können? Bloß nicht – so erklärte mir meine Gastgeberin diese Verschwiegenheitsstrategie – denn dadurch würde ich ja nur ermutigt, weiter Verspätung aufzubauen, die irgendwann die eigene womöglich überschreiten könnte.
Man gewinnt den Eindruck, dass „Verspätung“ im Grunde auch ein Unwort ist: Warum gesteht man den Dingen nicht einfach die Zeit zu, die sie brauchen? Dem Autofahren auf zu Stoßzeiten verstauten Straßen? Dem Erhitzen des Öls in einer Snackbude am Straßenrand, deren prospektiver Kunde womöglich nicht die Geduld aufgebracht hätte, eine halbe Stunde lang auf seinen tekwa zu warten, hätte man ihm das von vornherein in Aussicht gestellt? Man lässt der Zeit hierzulande manchmal noch ein wenig von ihrer vorindustriellen Ungezähmtheit.
Bleibt also genug von ihr, um neben der logistischen Unterstützung der Aufführungen und Proben für Katrin Caines mauritisches Disney-Musical die paradiesische Schönheit der Insel entdecken zu können. Die Chorsängerin, die mir während meines Aufenthalts überaus herzliche Gastgeberin und Köchin war, diente mir dabei oft netterweise als Führerin.

Der Aufstieg zum Piton de la Petite Rivière Noire, der mit seinen 828 m über NN den höchsten Punkt der Insel darstellt, ist vom Tal aus nicht leicht zu finden – lohnt sich aber sehr!
Um die farbenfrohe – und leider allseits bedrohte – heimische Flora und Fauna zu bewundern, ging ich häufig wandern, was auf teils schlecht markierten Pfaden hier genauso abenteuerlich sein kann, wie es dank der atemberaubenden Ausblicke lohnend ist. Da ich zudem das Glück hatte, in Strandnähe zu wohnen, zog mich recht schnell das Spektakel des Sonnenuntergangs über dem indischen Ozean in seinen täglichen Bann.
Advent unter den Palmen
Nun geht es auf Weihnachten zu. Von diesem alljährlichen Ereignis sind auch tropische Inseln nicht ausgeschlossen, wenn sie, wie Mauritius, unter anderem christlich geprägt sind. Sprich: Es werden Kunststofftannenbäume aufgestellt, „Christmas markets“ organisiert (die außerhalb der Tatsache, dass sie im Advent stattfinden und dort Dinge verkauft werden, kaum etwas mit ihren deutschen Pendants gemeinsam haben) sowie mit dem Chor für ein am 20. Dezember anstehendes Konzert Weihnachtslieder geprobt. Vor lauter „Petits Papas Noëls“, „O Tannenbäumen“ und „White Christmases“ in Proben, die bei 30 Grad Hitze und türkisfarbenen Lagunen, rot blühenden Flamboyants und azurblauem Himmel im Hintergrund stattfinden, bekommt man bisweilen durchaus Lust, sich in weihnachtsüberdrüssiger Zerstörungswut zu suhlen – indem man beispielsweise jene Böllsche Erzählung aufschlägt, die man unter dem Titel „Nicht nur zur Winterzeit“ gut auf die Südhalbkugel versetzen könnte.
Aber ich hoffe sehr, dass die Rückkehr in nördlichere Gefilde kurz vor den Feiertagen mich davon abhalten wird, red-nosed Rudolph, Ochs und Esel sowie Santa Claus höchstpersönlich zu chatini zu verarbeiten und mit dieser nahrhaften Weihnachtspastete die vielen auf der Straße herumlungernden Hunde der Insel zu bescheren – in der Hoffnung, diese mögen mir aus Dankbarkeit darüber zur Abwechslung mal die ein oder andere „Stille Nacht“ gönnen.

Keine zwei der vielen Sonnenuntergänge, die ich während meines Aufenthalts sehen durfte, glichen einander.
Mittlerweile bin ich ins kalte Europa zurückgekehrt. Was mich hier aufzuwärmen vermochte, sind – neben dem mitgebrachten mauritischen Rum – die vielen lebhaften Erinnerungen an meinen südländischen Frühsommer: an weiße Sandstrände, die die frühe Abendsonne golden färbt – an das laute Flattern von riesigen, Mango-raubenden Fledermäusen, die von ihren filaos aus in den sternenbesprenkeltem Himmel aufbrechen – an bläulich schimmernde Fächerpalmen, die sich in der Ozeanbrise wiegen – an die einnehmende Gastfreundlichkeit der Chorsänger:Innen, die einem vom ersten Tag an das Gefühl geben, einer von ihnen zu sein – an höllisch schnelle segas – an sehr viel Gesang, der vom Herzen kommt. Mo lil Moris, to pou mank mwa !
